Jeder, der sich freiwillig oder unfreiwillig schon damit befasst
hat, weiß: die Genetik ist schwer zu lernen und zu verstehen und man braucht
einen gewissen Biss, um es wirklich zu lernen, man muss es wollen. Ich finde
es sehr wichtig, die Genetik zu kennen und zu verstehen, wenn man ernsthaft
und vernünftig züchten will. Gerne stehe ich jederzeit zur Verfügung, falls
Ihr Fragen habt bezüglich der Vererbung, schickt mir einfach eine e-mail an
stooson@gmx.de. Noch eine Anmerkung: in der ausländischen Literatur kann es
sein, dass andere Abkürzungen oder Buchstaben für die Erbfaktoren benutzt
werden, das ändert aber nichts an der Vererbung an sich, nur ist die
Literatur nicht ganz einheitlich. Anmerkung: ursprünglich wurde davon ausgegangen, dass a(r) über a(t) dominant ist,
heutige Erkenntnisse lassen jedoch darauf schließen, dass a(r) und a(t) gleichwertig dominant sind, d. h. bei Verpaarung von Solid Agouti mit Tan/Fox erhält man Tiere, die beides sind, bei Rückverpaarungen spalten diese wieder auf in Solid Agouti und Tan/Fox
Beide sind dominant über a (Nichtagouti)
Hier erst mal ein paar grundsätzliche
Sachen zur Vererbung, damit man die nachfolgenden Formeln für die Farben
beim Meerschweinchen besser verstehen lernen kann:
GENE
Die DNS (Desoxiribonukleinsäure) ist der Träger der Erbinformation bei
Lebewesen, sie besteht aus Fäden (Ketten), die sich durch den Zellkern
ziehen. Einzelne Abschnitte auf diesen Fäden, und zwar solche, die einen
Funktionseinheit bilden (z. B. für Felllänge, Augenfarbe, etc.), werden Gene
genannt. Gene sind in einer wiederkehrenden Ordnung auf dem DNS angelegt, so
dass jedes Gen seinen bestimmten Platz auf dem Chromosom hat, diesen Platz
nennt man Locus.
HOMOZYGOT/HETEROZYGOT
Auf jedem Locus gibt es mehrere Möglichkeiten für das Aussehen der Gene.
Wenn zwei Gene auf einem Locus gleich sind, dann ist das Tier für dieses
Merkmal reinerbig (homozygot), sind die Gene jedoch verschieden, so ist das
Tier für dieses Merkmal mischerbig (heterozygot).
DOMINANZ/REZESSIVITÄT
Es kommt vor, dass ein Gen ein anderes Gen auf demselben Locus unterdrückt.
Dieses unterdrückende Gen (das bei den späteren Erbformeln für die Farben
immer als Großbuchstabe ausgedrückt wird) wird dominant genannt, das
unterdrückte Gen (klein geschrieben) wird rezessiv genannt. Man sagt auch
allgemein "das Tier trägt ein Merkmal, z. B. trägt die Farbe Schoko". Wenn
ein Tier die Farbformel Bb hat, ist es vom äußeren Erscheinungsbild her
schwarz, denn der Buchstabe B steht für die Dominanz der schwarzen Farbe
über das rezessive b, das für Schoko steht. Aber das Tier trägt die Farbe
Schoko als unterdrücktes Gen.
PHENOTYP/GENOTYP
Der Genotyp ist der genetische Aufbau (genetisches Erscheinungsbild) des
Tieres mit allen Erbfaktoren, rezessiven und dominanten (siehe
Dominanz/Rezessivität). Der Phenotyp ist das äußere Erscheinungsbild des
Tieres, wobei die rezessiven Erbfaktoren nicht zu sehen sind, d. h. vom
Aussehen her eines Tieres kann man nicht ohne weiteres den genetischen
Aufbau des Tieres erkennen (auf den Genotyp schließen).
MELANINE
sind dunkle Farbstoffe, die im Körper hergestellt werden. Der Grundstoff
hierfür ist Tyrosine (eine Aminosäure). Er wird über verschiedene Enzyme
angereichert zu einer Kette, die immer dunkler wird = Polymerisation.
PHEOMELANINE = haben noch Cystein angelagert = hellgelb (creme) bis rot.
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FAKTOREN BEI DER FARBVERERBUNG DES MEERSCHWEINCHENS
Wir gehen bei der Farbvererbung des Meerschweinchens immer von der Ur- oder Wildfarbe, nämlich der Agoutifärbung des Wildmeerschweinchens aus. Die heutigen bekannten Farben, die durch Mutationen entstanden sind, werden alle von der Wildfarbe abgeleitet, und zwar von der Farbformel für Goldagouti
ABCEP
ABCEP
Die Farbformeln werden immer so aufgeschrieben. Die beiden Reihen der Formel stehen für die zwei Gene auf einem Locus, die wie in diesem Falle gleich sein können, aber wie in anderen Fällen unterschiedlich sind (siehe Dominanz/Rezessivität). Die Abkürzungen in dieser Formel, die ich nachfolgend noch genauer beschreiben werde, stehen für folgendes:
A = Agoutifaktor
B = Braunfaktor
C = Farbintensitäts- oder "Albino"-faktor
E = Faktor, der das Verhältnis von schwarzen zu roten Haaren im Fell und auch die Verdünnungen davon bestimmt.
P = der sogenannte Rotaugenverdünnungsfaktor (Pink eye Faktor).
DER A-FAKTOR
Hier sind folgende Mutationen bekannt, und zwar in der Reihenfolge der Dominanz zur nächsten:
A = Agouti mit Bauchstreifen
a(r) = Solid Agouti ohne Bauchstreifen
a(t) = Tan
Anmerkung: Die kleinen Buchstaben in Klammer sind normalerweise Buchstaben, die hochgestellt werden und als Zusatz zum jeweiligen Faktor gehören. Aus technischen Gründen muss ich diese Sonderzeichen in Klammern ausdrücken.
a = Einfarbig (Nichtagouti)
DER B-FAKTOR
Hier ist eine Mutation bekannt (es handelt sich hier nicht um eine Verdünnung, wie sehr oft fälschlicherweise angenommen wird):
B = Schwarz
b = Braun (Schokolade)
DER C-FAKTOR
Die bekannten Mutationen des C-Faktors reduzieren die Pigmente in Fell, Haut und Augen. Das rote (gelbe) Pigment wird dadurch stärker angegriffen als das schwarze (braune)
Pigment (siehe Melanine). Die Faktoren sind in der Reihenfolge ihrer Dominanz aufgelistet.
C = volle Farbintensität (intensive Farben und Farbkombinationen)
c(d) = geringe Verdünnung (Dunkel-Sepia, Buff)
c(k) = geringe Verdünnung (lässt etwas mehr Schwarz zu als c(d)
c(r) = Rot/Gelb-Unterdrückungsfaktor (Rot/Gelb wird zu Weiß, auch Chinchillafaktor genannt)
c(a) = Himalayafaktor (verantwortlich für die Himalayazeichnung)
c = Diese Mutation, die für Albinismus stehen würde bei anderen Tieren, ist bei Meerschweinchen nicht bekannt. Tiere, die äußerlich völlig pigmentlos erscheinen, entstehen durch eine Verbindung von c(a) und e (Weiß
r. A. Tiere)
DER E-FAKTOR
Auch hier sind drei Mutationen bekannt. Der E-Faktor beeinflusst das Verhältnis von schwarzem/braunem zu rotem/gelbem Pigment und die Verteilung dieser Farben über den Körper.
E = Schwarz oder Schokolade und die Verdünnungen davon (Lilac, Beige)
e(p) = Zweifarbig Schwarz und Rot: Schildpatt, Japaner und Brindle
e = Einfarbig Rot oder die Verdünnungen davon (Gold, Safran, Buff, Creme, Weiß), alles Schwarz/Braun wird unterdrückt
DER P-FAKTOR
Der P-Faktor hat fast nur Einfluss auf schwarzes, bzw. braunes Pigment, Rot und die Verdünnungen
werden davon kaum verändert
P = Dunkle Augen
p(r) = Rubinauge (nicht Feuerauge),
angeblich für die Farbe Slate Blue verantwortlich
p = Rote Augen
Dazu kommen noch zwei Faktoren, der Scheckungsfaktor S und der Dalmatinerfaktor Rs (der sogenannte Letalfaktor).
DER SCHECKUNGSFAKTOR
Verantwortlich für die Weißscheckung
S = Keine weiße Scheckung
s(s) = weniger als 50% weiße Scheckung
s = mehr als 50% weiße Scheckung
DER DALMATINERFAKTOR
Dieses Gen ist verantwortlich für die Dalmatiner- und Schimmelzeichnung der Meerschweinchen. Auch der Letalfaktor genannt. Es handelt sich um ein Gen, das reinerbig (also RsRs) zur Lebensunfähigkeit führt. Das heißt, dass Dalmatiner und Schimmel quasi Träger des Letalfaktors sind (Rsrs). Verpaart man aber Dalmatiner und/oder Schimmel miteinander wird der Faktor verdoppelt und es entstehen weiße, meist nicht lebensfähige Tiere. Daher auf keinen Fall Schimmel und/oder Dalmatiner miteinander verpaaren, sondern immer ein Schimmel/Dalmatiner an ein einfarbiges Tier verpaaren. Da es nicht auszuschließen ist, dass ein weißes Tier ein sogenannter "versteckter" Schimmel oder Dalmatiner ist, sollte man auch davon absehen.
RsRs = bei Reinerbigkeit (RsRs) letale Tiere
Rsrs = Dalmatiner und Schimmel
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FARBEN DER ROT-GELB REIHE
Im Gegensatz zu den Meerschweinchen mit
einer Farbe der Schwarz-Braun-Reihe, können diese Tiere auch den Agouti-Faktor
(A) tragen, da in Kombination mit e auch das Schwarzpigment der Bänderung
unterdrückt wird und so ein einfarbig Rot-Gelbes-Tier für uns sichtbar ist.
Rotes Tier mit Agouti-Faktor ist phänotypisch nicht von einem Tier ohne
Agouti-Faktor zu unterscheiden!
Das Langhaar-Gen ist nicht vollständig rezessiv, d. h. aus einer Verpaarung von Langhaartier und Kurzhaartier fallen keine spalterbigen Kurzhaartiere sondern Langhaarträger, die vielfach nach dem Fellwechsel längeres Fell im Nacken und auf der Hinterhand zeigen (sogenannte “Vokuhilas” (vorne kurz hinten lang). Es dauert mindestens sieben Generationen, um auf diese Weise eine reinerbige und konstant vererbende Langhaarigkeit zu erreichen.